Zweite Woche : Die Spannung steigt
Der Versuch, aus den logistischen Problemen der letzten drei Tage herauszukommen. Die Akkreditierungskarte wurde mir während des Wochenendes gestohlen – das entspricht fünf Stunden Wartezeit in einer Menschenmenge von Tausenden, die gestern früh ab sechs Uhr hierher gekommen sind, um den kostbaren Badge der UNFCCC zu erhalten. Die Strenge der dänischen Polizei grenzt ans Groteske: nach einer Stunde Wartezeit in der Schlange der Akkreditierten, die auf die Sicherheitskontrollen warten, schicken sie mich zurück in die Schlange der Nicht-Akkreditierten, die wegen einer Panne im Informatiksystem und der Überlastung der Aufnahmekapazitäten des Bella Centers aufgehalten werden.
Ich stehe vier Stunden lang, erdrückt von der Menschenmenge, die es eilig hat, ins Allerheiligste gelassen zu werden, ausgehungert und starr vor Kälte. Ich treffe nette Leute, eine Journalistin, die für das öffentliche Radio in Luxemburg arbeitet und der ich die Positionen von Attac zum Kopenhagener Gipfel und zur Klimakrise erläutere; mit einem Gewerkschaftler des belgischen EGB (Europäischer Gewerkschaftsbund) tausche ich Neuigkeiten gemeinsamer Freunde aus... Weiter Vertreter multinationaler Unternehmen, Lobbyisten durch und durch, die ihre Nachbarn in der Warteschlange von der entscheidenden Rolle der Unternehmen im Kampf gegen den Klimawandel zu überzeugen suchen.
In meiner Nähe geduldet sich ein Vertreter der internationalen Liga zum Schutz der Natur, der die Umstehenden gelehrt über die dringende Notwendigkeit unterrichtet, drastische politische Maßnahmen zu ergreifen, um die Geburtenzahlen zu reduzieren, da die Überbevölkerung laut seiner Organisation Hauptursache für die Klimaerwärmung sei. Gleichzeitig erkennt er die Verantwortung der nördlichen Länder für die ökologischen Krise an.... Verstehe das, wer will.
Die Sicherheitsmaßnahmen um das Bella Center sind um eine Stufe erhöht worden. Die direkt bevorstehende Ankunft der Staats- und Regierungschefs und der unglaubliche Ansturm von Presse und Zivilgesellschaft machen der dänischen Polizei und der UNFCCC das Leben schwer. 15 000 Plätze für 46 000 Akkreditierte, Sicherheitskontrollen drinnen, Scans von Badges der Stufen 1 und 2 – Die Menge draußen ist erschöpft und verärgert. Die Masse wird zu Konfusion und die Konfusion zielt auf die Wut... Spontaner Protest entsteht mit dem Slogan „Let us in“ (Lasst uns rein).
Ich befinde mich in einer schwierigen Situation. Ich muss vor 18:00 Uhr ins Bella Center, und es heißt, niemand käme heute mehr hinein. Meine Rolle als Leiterin der Delegation von Attac France bringt mir ehrlich gesagt weniger Ehre als Schwierigkeiten ein: ich muss tatsächlich die Badges der zweiten Stufe, die Attac erlauben, in den folgenden Tagen ins Bella Center zu kommen, zurückziehen, und zwar für etwa ein Drittel der Delegation. Denn die Restriktionen nehmen zu, 30 bis 40% heute und morgen, etwas weniger am Donnerstag, und nur 90 Personen von 22 0000 Beobachtern für die Vollversammlung am Freitag. Endlich, um 15:00 Uhr, komme ich hinein, an der Schulter eines Polizisten weinend, während ich ihm alle Papiere zeigen, die meine Redlichkeit beweisen.
Auftrag erfüllt. Ich werde von meinen Kollegen drinnen als Heldin empfangen. Noch 40 Minuten Schlangestehen für den neuen Bagde, dann 30 Minuten in einer anderen Schlange für die Rückgabe der Badges zweiter Stufe. Ich bin dann um 16:00 Uhr bereit, mit der Arbeit anzufangen...
Abends gehen wir im Stadtteil Christiania zur Reclaim Power Party (siehe den heute erscheinenden Beitrag). Reclaim Power heißt die morgen von den Netzwerken CJN und CJA organisierte Aktion. An der Debatte nehmen Naomi Klein, Michael Hardt und Tazio Müller (wichtigster Sprecher für CJA) teil. Das Ziel ist klar: die Gemüter nach der Demonstration am Samstag mit 700 Festnahmen wieder beruhigen, und, am Abend vor der Aktion, die gemeinsamen Werte gewaltloser Radikälität, die Macht des Kollektivs und seiner Entschlossenheit ins Gedächtnis rufen. Angesichts der polizeilichen Willkür glauben manche Demonstranten nicht mehr daran und bereiten sich auf einen Zusammenstoß vor. Die Diskussion ist in den letzten Minuten fast angespannt, aber Klein, Hardt und Müller schaffen es, die Einigkeit wiederherzustellen.
Als wir gehen, brennt bei dem Zelt, in dem das Fest nach der Debatte stattfindet, ein Auto. Ein paar Minuten später riegelt die Polizei, die nicht nach Christiania hereinkommen kann, das Gelände ab und verwendet Tränengas. Aktivisten werden verhaftet. Sie sind heute morgen in den Schlagzeilen der dänischen Zeitungen. Jetzt fällt Schnee auf die erhitzten Gemüter. Die Verhandlungen treten auf der Stelle.
Übersetzung : Katja Willebrand

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