Weblog von Christian Schoder
Ein Gipfel-Resümee aus dem Konjunktiv
Der G20-Gipfel in Pittsburgh ist zu Ende. Ein Grundkonsens zur Beschränkung der ManagerInnengehälter, Stärkung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Erhöhung der Eigenkapitalquoten wurde gefunden. Kann dieses Maßnahmenpaket das Versprechen der G20 erfüllen, nämlich zukünftig Krisen zu vermeiden? Anders gefragt: Hätte es, wäre es schon vor fünf Jahren geschnürt worden, die Immobilienkrise 2007/08 verhindern können?
Der halbherzige Versuch, die ManagerInnengehälter einzudämmen, ist ein symbolischer, wenn nicht sogar populistischer Akt. Hätten die BankerInnen bei etwas niedrigeren Bonuszahlungen wirklich weniger Hypothekarkredite vergeben?
Die Stärkung des IWF mutet zynisch an. War es doch er, der Jahrzehnte lang die Liberalisierung der Kapitalmärkte gefordert hat. Hätte man das Budget des IWF vor fünf Jahren verdreifacht, 5% seiner Stimmrechte zu Gunsten von China neu verteilt und ihm erklärt, dass es mit den freien Finanzmärkten doch nicht so einfach sei, hätte dies die Krise verhindert?
Die Spannung steigt
Der Gipfel beginnt. Die Nervosität steigt, sowohl bei der Polizei als auch bei den DemonstrantInnen.
Vielen sind noch die Proteste gegen die WTO-Konferenz in Seattle in Erinnerung. Diese jähren sich heuer zum zehnten Mal. Damals ist die Polizei nicht gerade zimperlich gegen DemonstrantInnen vorgegangen. George aus Tennessee, der sich selbst als Anarchisten sieht, war damals dabei. Er rät mir, als “legal observer” auf den Demos mit zu gehen, um das Risiko einer willkürlichen Verhaftung zu minimieren. Diese mit bunten Kappen behüteten Menschen verbringen Demos meist damit, potentielle Übergriffe zu dokumentieren und sind, so wurde mir versichert, “selten selbst Opfer polizeilicher Willkür”.
Pittsburgh, here we come!
Mit der Eisenbahn nach Westen geht's nun auch für Agnes (die neben mir gerade auch ihren ersten Blogeintrag schreibt) und mich endlich auf nach Pittsburgh. Den "Big Apple" hinter uns, raus auf's Land, sozusagen.
Neun Stunden im Zug für etwa 500 Kilometer ist zwar etwas übertrieben, hat aber auch was Gutes: man hat ausreichend Gelegenheit die offiziellen Stellungnahmen der G20 zu den angekündigten Finanzmarktreformen zu studieren. Schließlich wird die zukünftige Finanzarchitektur wohl auch Thema am Gipfel sein, vorausgesetzt die Diskussion über die Managergehälter lässt dafür noch Raum.
Wer solche Stellungnahmen kennt, weiß, hier sind LiteratInnen am Werk: "The challenges posed by the crisis have highlighted the need to improve our multilateral cooperation in order to further promote global financial stability, foster sustainable development and lift the lives of the poorest from poverty." lautet mein Lieblingssatz aus einem Schreiben aus Washington an den Rest der Welt.
