Weblog von Jutta Sundermann
Abschied
Schon bevor die große Demonstration beginnt, beginnt in der Zeltstadt ein reger Abbau-Betriieb. Das Wetter ist freundlich, Zelt für Zelt wird abgebrochen, viele HelferInnen packen mit an, um die großen Gruppenzelte in viele Einzelteile zu zerlegen und zu verladen.
Nach der Kundgebung in der Innenstadt laufe ich ein letztes Mal den Berg hinauf zur Monumental Baptist Church. Ich bleibe auf dem Weg durch das Viertel einige Male stehen, weil mich Leute ansprechen und fragen, wie die Demo war. Sie amüsieren sich über meinen Akzent und wollen mehr wissen, über Deutschland, über meine politischen Forderungen, über Attac. Viele rufen mir auch einfach zu: "Danke, dass Ihr für uns demonstriert!"
Donnerstag: Demoende mit Tränengas
Für den Donnerstag Nachmittag hat das „G20-Resistance-Project“ zu einer Demonstration eingeladen. Auf jedem Poster und Flyer steht dabei, dass diese Aktion nicht genehmigt ist. Dennoch macht sich eine muntere Gruppe aus dem „Bail-out-people-Camp“ auf den Weg dorthin. Es sind einige Kilometer Asphalt bis zum Ziel, dem kleinen Park an der 40. Straße oberhalb des inzwischen abgeriegelten Downtown-Bezirks. Wir marschieren eine Stunde zügig voran, immer wieder erschallt von hinten der Ruf, dass alle auf dem Fußweg bleiben mögen.
Im Park wird es ganz schön voll. Schwarze Textilien überwiegen, bunt gekleidete Leute bilden die Ausnahme. Recht unterschiedlich haben sich die DemonstrantInnen vorbereitet. Während bei den einen das schwarze Tuch griffbereit um den Hals liegt, tragen andere Blasinstrumente und Trommeln mit sich und bilden eine lustige Kapelle, die abwechselnd „we shall overcome“ und „Bella ciao“ spielt.
Zwei Welten...
Schon am gestrigen Nachmittag hatte es sich gezeigt, dass eine Podiumsveranstaltung mit Joseph Stiglitz Menschen aus einem weiten Umkreis anzieht – aber die Menschen aus dem Hill-District eher kalt lässt.
Die Fortsetzung zu dieser Beobachtung gibt es heute: In der Zeltstadt gelingt keine „ordentliche“ Podiumsdiskussion. Für die VeranstalterInnen tut es mir ein bisschen leid, aber ansonsten bin ich auch immer wieder fasziniert davon, was die Menschen zu erzählen haben. Und wenn man sie lässt und einige zuhören, gibt es kein Halten mehr:
Bewegungs-Fundstück: Das Bienenkorb-Kollektiv
Ich habe mich auch deshalb sehr auf die Reise in die USA gefreut, weil ich immer sehr neugierig bin, welche Bewegungsprojekte es anderswo gibt. Womit sie Menschen erreichen, welchen Herausforderungen sie gegenüber stehen. Und natürlich auch, welche Ideen vielleicht für unsere Arbeit zu übersetzen sind.
Am Mittwoch abend treffe ich am Rande der Energie-Jobs-Kundgebung eine Gruppe, die mich fasziniert: Das "bee hive collective", ein Team von wechselnd zehn bis fünfzig Menschen, das mit bildender Kunst politische Bildungsarbeit betreiben. Auf Riesenpostern stellen die "Bienen" politische Zusammenhänge und historische Entwicklungen dar. Alle Akteure auf den Bildern sind Insekten und Kleintiere. Die größten Poster sind auf Stoff gedruckt und begehbar.
Tausende für "Green Jobs"
Die größte Gewerkschaft in Pittsburgh ruft - und viele hundert Menschen kommen am Mittwoch-Abend zur Kundgebung mit Konzert im State Point Park.
Mehr als Worte können hier die Bilder erzählen.
Die Veranstalter erwarten 3000 Menschen, bevor es dunkelt sind es schon etliche hundert. Es gibt Live-Musik auf einer großen Bühne, Freßstände und kreative Aktionsgruppen am Rande. Und immer wieder für alle die Botschaft: Mit "grünen Jobs" können Menschen glücklich und das Klima gerettet werden.
Diese Bannerträgerinnen kritisieren den Handel mit CO2-Zertifikaten, der Milliardenumsätze bringen soll, aber für den Klimaschutz - auf jeden Fall in seiner jetzigen Ausprägung - sogar eine Gefahr darstellt. Einen Stand weiter erzählt mir einer der Mitveranstalter, dass er an einen ökologischeren Kapitalismus glaube. Er informiert alle Vorbeikommenden über Wege zur eigenen Solaranlage und verteilt gefragte Aufkleber für's Auto.
Stiglitz stärkt Protestierenden den Rücken
Mittwoch nachmittag:
Während es in unserer Zeltstadt eher gemütlich zugeht und immer wieder Regenschauer die Leute unter die Pavillons treiben, wirft die Nachmittagsveranstaltung ihre Schatten voraus: Joseph Stiglitz wird erwartet, zur großen Diskussion in der Monumental Baptist Church neben der „Tent City“ (Ja, ich weiß, eigentlich ist es anders herum richtig). Davor ist Pressekonferenz. Die Journalisten-Dichte nimmt zu. Ich bin verabredet mit einem ARD-Fernseh-Team und einer Radio-Journalistin.
Der große Gemeindesaal, der uns in den letzten Tagen als Aufenthaltsraum diente, ist besonders aufgeräumt, ein Podium für den prominenten Gast und seine Mit-Podianten bereit gestellt.
Bankenrettung heißt in Pittsburgh Mellon-Bail-Out
Am Dienstag nachmittag zog eine kleine Demonstration für das Recht auf bezahlbaren Wohnraum vom Hill District hinunter. Meine Füße treten hier mehr Asphalt als in den letzten Monaten zusammen. Schon wieder runter nach "Downtown"!
Ziel des Protestes: der unübersehbare Bankenturm der Mellon Bank. Schon 1813 gründete Thomas Mellon diese Bank, die Familie machte Millionen mit Kohle und Stahl und heute stößt man auf Schritt und Tritt auf ihren Namen: In der Mellon Arena wird Eishockey gespielt, in der Cargenie Mellon University studiert. Die Bank wurde im Rahmen der Finanzkrise mit 3 Milliarden US-Dollar gerettet.
Die Liste der Vorwürfe gegen die Bank ist lang. Schon als Kohlen-Barone zeigten die Mellons wenig Rücksicht auf die Rechte ihrer Beschäftigten. Da der Mellonturm die meisten anderen Gebäude in der City überragt, ist der Marsch dorthin ein naheliegender Beitrag zu den G20-Protesten.
Der Obama - Faktor
Pittsburgh wird weder am Donnerstag noch am Freitag Bilder liefern wie die unübersehbaren Proteste in Seattle anlässlich der WTO-Ministerkonferenz 1999. Damals blockierten über 50.000 die Auftaktveranstaltung der Welthandelskonferenz.
Wahrscheinlich passt viel eher, was einige Rednerinnen und Redner am Sonntag bei den Kundgebungen sagten: Dass sich hier Anfänge zeigten einer Bewegung gegen Armut, gegen Arbeitslosigkeit, gegen Obdachlosigkeit und gegen ihre Ursachen, die nicht mit ein paar Vorzeigeprojekten aufzuheben sind.
Die sozialen Bewegungen in den USA sind gerade nicht stark. Ich habe mit vielen AktivistInnen gesprochen und nach den Ursachen gefragt. Einige wichtige lassen sich unter vielleicht mit dem Begriff "Obama-Faktor" zusammen fassen:
Viele Menschen haben über Monate mit großer Energie für die Wahl Obamas gearbeitet. Jetzt ist er gewählt und eine Mischung aus Erschöpfung und Abwarten, was er denn nun bewirken wird, reduziert die Mobilisierbarkeit der Leute stark.
"Sicherheit" macht gar nicht frei
Der Gipfel rückt immer näher. Downtown in Pittsburgh sind an vielen Straßenrändern dicke Bündel mit Metall-Elementen zu sehen. An einigen Straßenecken steht er schon, der Zaun, der die Menschen so weit wie möglich von den Politik-Gästen fern halten soll.
Noch hat der Sicherheits-Zaun Lücken und FußgängerInnen können hindurch. Am Mittwoch wird er geschlossen werden. Eine gewisse Beklemmung verbreitet er aber schon jetzt.
Ich habe mich heute morgen einer Gruppe von Camp-Aktiven angeschlossen. Zu dreizehnt sind wir in einem Van nach "downtown" gefahren, zu einer spontanen Kundgebung mit dem Motto "Speak out - against Police Intimidation". Es sind vielleicht vier Dutzend Menschen, die hier zusammen kommen. Die lokalen Medien sind aber auch mit von der Partie.
Protest-Nischen
Zu Fuß bin ich von meinem Basislager, der kleinen Zeltstadt "on the hill", durch Pittsburgh gelaufen. Habe viele Abgase geschnuppert, kaputte Häuser und große Werbetafeln gefunden. Und schließlich auch ein paar andere Orte, an denen heute schon Protest-Vorbereitungen zu sehen sind.
Im Internet müssen Neugierige eine Weile suchen, bis sie finden, was an Vorab-Veranstaltungen schon geplant ist. Die Tageszeitung "Pittsburgh Post-Gazette" kommentiert die Lage: "It is very hard to keep track of all of the protests planned around the G20. It would help if the anarchists were much better organized, and with a bigger marketing budget." Nun - vielleicht wird es sich noch als Stärke des Protestes erweisen, dass hier alles etwas unübersichtlich ist.
Die Polizei kommt ohnehin nicht recht hinterher. Die Beamten mussten gestern zugeben, bei beiden größeren Demonstrationen (dem March for Jobs und einer Demonstration mit dem Motto "G 6 Billion Journey & Witness") die Genehmigungsauflagen nicht gelesen zu haben und hielten die Demos länger auf, als sie es gedurft hätten.
