Samstag - über den Wolken
Nun sitze ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Flugzeug. Mit jedem Kilometer pustet es Treibhausgase in die Luft und verhagelt meine persönliche Ökobilanz. Ich habe mich trotzdem zu der Reise entschlossen, weil ich hoffe, Motivation und Ideen tanken und einen kleinen Beitrag zur Sichtbarkeit dringend notwendiger Proteste leisten zu können.
Trotz meiner Abneigung gegen Flugzeuge lasse ich mich von dem Blick durch das kleine Bullauge verzaubern. So viel Licht hier oben, so weit unten die Wolken und noch tiefer klitzekleine Städte oder endloses Meer....
Meine Laptopuhr stelle ich jetzt zurück: Ich sollte mich schon mal daran gewöhnen, dass es vor mir nicht 18.00 Uhr ist, sondern erst 12.00 Uhr. Es wird noch lange Tag sein um mich herum.
Die Zeitungen, die mir am Flughafen begegnet sind, bieten wenig verheißungsvolle G20-Schlagzeilen. Die EU rudert zurück, um mit ihren „radikalen“ Vorstellungen zur Begrenzung von Manager-Boni die USA und China – und in den eigenen Reihen Großbritannien - nicht zu verärgern. Das leitet dann wohl den Schlussakt eines ziemlich armseligen Theaters ein, das vor allem eine Ablenkung war, um über das Nichthandeln in fast allen Bereichen dringender Finanzmarktregulierung hinweg zu täuschen.
Nun, wir werden in den nächsten Tagen sehen, wie weit geschulte PR-Experten der G20-Regierungen die Verhandlungen aufpusten können.
Nirgendwo kommt in den Ankündigungen das Thema vor, wer für die Krise letzten Endes zahlen wird. Maßnahmen, die Profiteure zur Kasse zu bitten, fehlen ebenso, wie Maßnahmen, das erneut eröffnete globale Finanzkasino eines Tages zu schließen. Ziemlich sang- und klanglos platzte am Donnerstag die Wahlkampfblase der Finanztransaktionssteuer. Kurzfristig hatten Kanzlerin Merkel und Kanzlerkandidat Steinmeier die alte Attac-Forderung zu der ihren gemacht, aber schon beim Gipfel-Vorbereitungstreffen der Europäer löste sich der kleine Vorstoß in Wohlgefallen auf.
Lange suchen muss in den Medien auch, wer hören will, was die Versammlung der Vereinten Nationen in New York verhandelt. Aus der Bundesrepublik reist kein hochrangiger Regierungsvertreter zu diesem G192. US-Präsident Barack Obama hat immerhin eine Stippvisite bei der UN angekündigt, am Mittwoch, kurz bevor er nach Pittsburgh weiter fliegt.
Ich freue mich darauf, den Menschen zu begegnen, die sich jetzt auch aus aller Welt und aus vielen US-Bundesstaaten aufmachen nach Pittsburgh, um den leeren Gipfelverlautbarungen etwas entgegen zu setzen. Viele werden ihre eigene Situation zum Thema zu machen und alle werden sie ein Umdenken einfordern. Eine andere Welt, in der nicht länger atemberaubender Reichtum bitterer Armut gegenüber steht, ist möglich! Ein anderes Wirtschaften ist nötig, um den Planeten nicht zu ruinieren und aus der Vision globaler sozialer Rechte eine vielfältige, lebenswerte Realität zu machen!
** ** Wie gut, dass es im Flughafen in Pittsburgh W-Lan gibt. Ich bin nach einer Schrecksekunde mit meinem "oversized backpack" wieder vereint und schicke diesen Eintrag in die Weiten des Web. Draußen lacht die Sonne, in old Europe ist es Mitternacht.
Jutta

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